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Die Nacht hat zwölf Stunden

10,00 €

Inhalt:
 
1. Anmut sparet nicht noch Mühe (Kinderhymne)
2. Ballade von der "Judenhure" Marie Sanders
3. Das Lied vom Weib des Nazisoldaten
4. Das Lied von der Moldau
5. Die Ballade vom Baum und den Ästen
6. Die Ballade vom Wasserrad
7. Friedenslied
8. Mutter Beimlein
9. Resolution
10. Und ich werde nicht mehr sehen
 
(Aus: Albrecht Dümling, Lasst euch nicht verführen - Brecht und die Musik)
Daß Genuß und Denken eine Einheit bilden können, erfuhr Brecht nicht zuletzt an Eislers Musik, der er 1955 einen seiner bedeutendsten musikästhetischen Texte widmete. Sein Vorwort zu Eislers »Liedern und Kantaten« stellt eine Summe seines Musikdenkens dar. Brecht schreibt, daß Eislers Vokalmusik »den Singenden wie den Hörenden beglückend« verändert; damit bringt er eine Grundprämisse seiner Arbeit zum Ausdruck: Kunst soll an ihrer Wirkung gemessen werden, sie soll nicht bloß folgenlos konsumiert werden, sondern ins Leben eingreifen. An Eislers Musik hat Brecht, obwohl er zu ihrer inneren Logik nur wenig Zugang fand, diese eingreifende, verändernde Wirkung beobachten können. Der Bildungsprozeß war dabei keine Qual, sondern ein Genuß - nicht nur für die Hörer allein, sondern auch für die Musiker.
 
Schon für Marx war die Tätigkeit des Komponisten Modell einer nichtentfremdeten Tätigkeit. Für Brecht ging Eislers Produktivität und Produktion aber noch darüber hinaus, indem sie auch den Weg zum Sozialismus aufzeigt. »In sein Werk eintretend, übergebt Ihr Euch den Antrieben und Aussichten einer neuen Welt, die sich eben bildet.« Für Brecht war Eislers Musik ebenso vergnüglich wie sittlich, ebenso naiv wie konstruktiv. Ihr wesentliches Merkmal sei jedoch die Produktivität, die sich nicht im Werk erschöpft, sondern auf Hörer und Musizierende erstreckt, indem sie auf sie verändernd einwirkt. Verändernd wirkt Eislers Musik gerade durch ihre Widersprüchlichkeit. Erst aus dem Wachrufen einander entgegengesetzter Eigenschaften wie Zartheit und Kraft, Ausdauer und Wendigkeit kommt eine nicht eindimensionale, sondern dialektische Bewegung zustande. Wo es nur Zartheit und keine Kraft, nur Ausdauer und keine Wendigkeit, nur Ungeduld und keine Vorsicht, nur Anspruchsfülle und keine Selbstaufopferung gibt, kann es auch keinen wirklichen Sozialismus geben.